Vortrag Jacobsweg „Camino France`s“

Der Vortrag am 14. Januar 2017  war ein voller Erfolg. Knapp 40 Personen hörten sich die interessanten Ausführungen in einer beeindruckenden Foto-/ Video- und Sprachshow zu 5 Wochen verbrachter Zeit auf dem Jacobsweg, an.

Auf meiner Renteneintrittsparty im Jahr 2015 verkündete ich es: Ich gehe auf den Jacobsweg, das vierte Mal, dieses Mal den ganzen Weg! Aus den 887 km Wegstrecke wurden dann schnell über 1000 km!

39 Tage auf dem Jacobsweg und das bei einer absolvierten Pilgerroute von täglich bis zu 38 km, war es der persönliche „Marathon meines Lebens“. Nun war ich das vierte Mal auf dem Jacobsweg, dieses Mal in Frankreich, in St. Jean-Pied-de-Port gestartet, um auf dem „Camino de France`s“ über 34 Etappen und einer Strecke von 887 km zur  vermeintlichen Grabstätte von „Jocobus dem Älteren“, einem der 12 Apostel von Jesu Christi, am Zielort in Santiago de Compostela, anzukommen. Ein stolzes Ziel, wofür ich mich über die bisherigen insgesamt knapp 900 km in den vorangegangenen Jahren an Kondition und Erfahrung recht gut vorbereitet gefühlt hatte. Auch mein täglicher Sport und die vielen Wanderungen um den Ratzeburger See bestärkten mich für diese neue Herausforderung.

Am 2.April 2016 ging es mit dem Flugzeug über Paris nach Biarritz und von dort per Bus zu meinem ersten Ort und gleichzeitig dem Beginn dieses Camino, nach St. Jean-Pied-de-Port.

Steile Berganstiege, oft Regen, scharfe Briesen auf den vielen Berggipfeln, mehrere lange Strecken durch die Meseta ohne mögliche Zwischenstopps, Temperaturen vom Gefrierpunkt bis zu 27 Grad, auch mal grenzwertig schlechte Herbergen, verschlammte Wegstrecken waren es, die der ganzen Wanderung die nötige „Würze“ gaben. Jeder einzelne Tag bei 14 – 18 Grad war dann der reinste Segen für einen Wanderer.

Was ist das Besondere am Camino? Man sagt, wer einmal dort war, kommt immer wieder zurück. Ich traf beim km 99 eine 87-jährige Frau aus Australien, geboren in Wien, welche 1952 ausgewandert war. Sie läuft den Camino seit 20 Jahren jedes Jahr und will es noch 3 Jahre lang tun. Genau diese Frau erkannte ich wieder, weil ich sie schon einmal auf diesem Weg vor genau 6 Jahren traf. Eine besondere Wiedersehensfreude war angesagt. Weiterhin ist es, was dort alle verbindet: alleine auf dem Weg zu sein, den Weg zu Zweit zu meistern oder gemeinsam in kleinen Gruppen zu wandern mit anderen Pilger in den nächsten Gaststätten, Bars oder abends in den Herbergen zusammenzutreffen. Der Austausch mit anderen über den Tag, über ihren Streckenbeginn, über ihre Herkunft und über ihr Leben, war immer sehr interessant und auch unterhaltsam. Es war auch immer spannend, wie man mit Pilgern, welche nicht meine Sprache sprachen, sich doch recht gut verständigen konnte.

Ich selber bin zuerst mit zwei Frauen, Nicole aus Hamburg und Andrea aus Füssen unterwegs gewesen, die vom Tempo her für mich dann doch zu langsam waren. Ich bin danach dann 7 Tage ganz alleine gelaufen, fühlte mich da wie ein Einsiedler und dachte, ich müsse an fehlender Kommunikation eingehen. Dann holte ich Dirk aus Magdeburg ein, den ich am Horizont laufen sah. Das dauerte aber noch einigen Stunden und verbrachte mit ihm die nächsten 500 Stunden bis zum Zielort. Wir lagen vom Tempo, vom Humor und von den Einstellungen zum Leben auf einer Wellenlänge. Auch wenn ihn meine Sprüche manches Mal nervten, wie „zurück zu unseren Wurzeln“, wenn es um eine schlechte Herberge ging: Man Bedenke, wie es den Pilgern doch im Mittelalter auf dieser Strecke ergangen sein muss. Angst hatten Dirk und einige andere Pilger immer, die mich von den Nächten her kannten, wegen meines bombenartigen Schnarchens, so nannte es einmal Bumgoo, der Koreaner aus Seoul. Deshalb suchte Dirk sich in jeder Herberge, wo es möglich war, das entfernteste Bett zu mir!

Täglich waren es immer die ständigen Bemühungen, das Tagesziel zu erreichen, sich und manchmal auch andere zu motivieren, an seine eigene Leistungsgrenze gekommen zu sein und nach kurzer Erholungspause doch noch „einen drauf zu setzen“, weil man am Ende des Tages im Ort keine passende Unterkunft fand und weiter gehen musste, um die nächste Herberge zu finden.

Eine der anspruchsvollsten und auch schwierigsten Strecken war der Anstieg zum Ibaneta-Pass in den Pyrenäen oder auf den Berg „El Cebreiro“ in Galizien auf eine Höhe von 1500m über eine Länge von 8 km. Man bedenke dabei, dass es die kürzeste Strecke ist, sie zumeist extrem steil ist und trägt dauerhaft 15 kg Gewicht auf den Schultern.

Eine meiner größten Erfahrungen sind die entstandenen Freundschaften zu siebzehn Pilgern, die bleibend geworden sind. Wenn man danach, im realen Leben wieder angekommen, mit fünf dieser neuen Freunden in Verbindung bleibt und einmal wieder treffen will, ist es doch mehr als ein positiver Effekt dieses Camino. Man trifft viele Menschen auf dem Camino doch nur wenige hinterlassen wirklich Ihre Spuren. Jede Begegnung mit anderen Menschen, ist auch immer eine Begegnung mit sich selbst.

Inzwischen habe ich den Camino ohne Blasen oder anderen Wehwehchen, außer einem ausgebrochenen Zahn, den ich in Pamplona behandeln lassen musste, beendet und am 8.Mai meine „Credencial“, die Urkunde über meine Ankunft erhalten. Der eigentliche Abschluss des Camino geschah mit Betreten des Platzes vor der Kathedrale in Santiago, als mich der „Pilgertod“ ereilte, d.h. ich war ab dem Moment kein Pilger mehr, ich war im realen Leben wieder angekommen! Es war Schluss, diese 5 Wochen waren zu Ende, unreal, unwirklich und doch wahr!

Eine Freude war aber auch immer gegenwärtig: Die Familie wartete auf mich, sie hatte meinen Entschluss für diesen Weg befürwortet! Über diese 5 Wochen ist mir wieder klar geworden, wie wichtig mir meine Familie ist.

Ralf S. Müller

Teilnahmemeldungen bitte an Frau Kotzmann Tel. 038875 20437

 

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